Freitag, Juli 13th, 2007 | Author: Meg

Jedes Mal, wenn ich einen Teddybären sehe, muss ich an sie denken. Auch sie hatte kleine, schwarze Knopfaugen. Ein bisschen erinnert mich der Bär aus der ‚Hohes C’-Werbung an sie.
Sie hatte schwarze Locken und ihre Liebe zu mir war unerschütterlich.

Sie besaß die Fähigkeit, mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen: meist bestanden die Wünsche aus besonderen Speisen, die sie dann liebend gerne für mich zubereitete. Unabhängig davon, ob diese jegliche Vitamine entbehrten und jedes Kind in eine Diabetes hätten stürzen können. Nie hatte sie ein böses Wort der Schelte auf den Lippen, stets nahm sie mich in Schutz, auch wenn ich ihre Geduld mehr als einmal auf die Probe stellte.

Gedenke ich ihrer, gedenke ich im selben Atemzug der unbeschwertesten und glücklichsten Zeit meine Lebens. Ich war gerade ein paar Wochen alt, als ich zu ihr kam und knapp fünf Jahre alt, als ich wieder gehen musste. Erstaunlicher- und glücklicherweise hat sich diese Zeit für alle Ewigkeiten in meinen Erinnerungen eingebrannt und beschert mir immer wieder ein glückliches Lächeln und ein Augenstrahlen.

Sie machte die weltbeste Kokostorte der Welt, ihr Kogielmogiel war unschlagbar, genauso wie ihre Buletten – erst nach Jahren kam meine Mutter darauf, was das Quäntchen war, welches in ihren Buletten stets fehlte: ein Schuss Maggi!
Seit ich sie kannte, entwickelte ich eine schleichende und bis heute bestehende Abneigung gegen Wolle auf nackter Haut. Sie strickte viel und gut. Allerdings war sie sehr schmerzfrei, was die Wahl der Farben anging, so daß ich des öfteren in harlekin-bunt mit Bommeln geschmückt durch das Dorf geführt wurde.

Sie hat ihr Lebtag schwer geschuftet. Angefangen hat sie beim Roten Kreuz, als Schwester im Dienste der Deutschen während des II. Weltkriegs. Es gibt ein wunderschönes Bild von ihr, mit Häubchen und einem gestärkten, weißen Kittel. Es ist eines meiner Lieblingsbilder von ihr. Nie hatte sie ein Wort des Leides oder gar Selbstmitleides auf den Lippen, aufopferungsvoll kümmerte sie sich um erkrankte Verwandte, später um ihren Mann, der mir der Zeit von Diabetes gezeichnet wurde.

Ich werde nie vergessen, wie sie sich die Nächte um die Ohren schlug, damit ich schlafen konnte. Als Kind litt ich unter einer nahezu chronischen Blasenentzündug, was zur Folge hatte, daß sie Nächte an meinem Nachttöpfchen verbrachte, während ich unter Tränen versuchte Wasser zu lassen. Danach knipste sie eine uralte Heizdecke an und legte mir diese auf den Bauch, streichelte meinen Kopf und erzählte unermüdlich Geschichte, sang mir wunderschöne Lieder vor. Kein Wort des Tadels kam über ihre Lippen, als ich eines Tages eine volle Packung Süßstoff gegessen hatte, in der Annahme, es wären Süßigkeiten. Jeder lachte mich aus, sie saß neben mir, während ich einen Magenkrampf um den nächsten hatte und dachte, ich müsste mir das letzte Quäntchen Leben aus dem Leib brechen.

Auch später hörte sie nicht auf, sich um mich zu kümmern, als wäre ich selbst nicht dazu fähig. Im hohen Alter stieg sie mehrmals die Woche auf ihr Fahrrad, um einkaufen zu fahren. Immer, wenn ich sie besuchte, hatte sie Malzbier da. Es wurde zu einem kleinen Ritual. Ich besuchte sie, um das Treppenhaus zu wischen, doch egal wie früh ich bei ihr aufschlug, das Treppenhaus war bereits gewischt. Auch wenn ich ‚hinterlistig’ einen Abend vorher aufkreuzte um sie zu überraschen: das Treppenhaus war bereits gewischt. Und auf dem Tisch stand ein Malzbier. Tränen des Glücks schossen mir in die Augen, wenn sie mit einem äußerst verschmitzten Gesichtsausdruck erzählte, wie ihr Mann um sie geworben hat, wie sie sich das Versprechen gaben, während des Krieges JEDEN Tag einen Brief an den anderen zu senden. Als er aus der Gefangenschaft kam, hatte er einen Sack voller Briefe auf dem Rücken. Leider sind diese bei einem Überfall der Russen vernichtet worden. Sie lachte, als sie erzählte, daß sie Geschichten erfinden musste, um eine Seite voll schreiben zu können, da im Dorf nichts passierte, was berichtenswert gewesen wäre.

Wenn es einen Menschen gab, der seine Gefühle stets offen auf der Zunge und im Gesicht trug, dann war sie es. Ich habe seitdem keinen Menschen mehr getroffen, der so aufrichtig und so voller selbstloser Liebe und Aufopferung war, wobei sie dies niemals als Opfer empfand, wie sie mir sagte. Sie hätte es sich zum ‚Schluss’ gut gehen lassen können, doch ihr einziges Anliegen war das Wohlergehen ihrer Kinder und Enkelkinder.
Mit Freude kann ich behaupten, das 24 Jahre lang das glücklichste Enkelkind der Welt gewesen zu sein.

Heute spreche ich mir ihr und schicke meine stummen Gebete zu ihr in den Himmel. Ich bin mir sicher, daß sie mich hört und sieht, ihre Hand schützend über mich legt und einige Weichen in meinem Leben mitgelegt hat. Auch nach ihrem Tod ist sie der beste Schutzengel, den man sich wünschen kann.
In ewiger Liebe zu meiner Oma Maria.

Es sollte sich jeder glücklich schätzen, der in den Genuss gekommen ist, seine Grosseltern kennen zu lernen.

Maria
* 13.07.1919
+ 20.12.2000

Category: MegLosophie
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19 Kommentare

  1. Ja, unsere lieben Omis. Ich bin froh, sie noch zu haben. :) Schön geschrieben, Meg.

  2. Gute Morgen liebe Meg, das hast du so schön geschrieben.
    Ich hab leider keine Großeltern mehr, durfte meinen Opa aber 10 wunderschöne Jahre kennenlernen und meine Oma auch fast 24 Jahre kennenlernen. *umärmel*

  3. Murmel, Deine Oma bringt manchmal böse Klopper raus, aber sie ist ein Unikat, eine supercoole Murmel-Oma und erinnert mich sehr an meine :)

  4. Guten Morgen Michi *drück*
    Ich habe noch eine Oma, die lebt in Polen. Das war aber immer “die böse Oma”, obwohl sie natürlich nicht böse war, sondern ein bisschen strenger als die Lieblings-Oma. Ich habe sie dieses Jahr nach 6 Jahren wiedergesehen. :)

    Die Opis sind beide leider auch schon tot. Aber: Ich HABE sie kennengerlent und das war eine wunderbare Erfahrung.

  5. Liebe Meg, das ist so wunderschön und voller Liebe geschrieben … mir geht das Herz auf. Meine Oma war ähnlich. Meinen Opa habe ich zwar noch kennen lernen dürfen, aber nur ein paar Jahre und ich war auch noch sehr klein (habe deshalb kaum Erinnerung an ihn).
    Fühl dich gedrückt.

  6. *Tränchenwegwischel*

    …das ist wunderschön geschrieben und erinnert mich so sehr an meinen Opa! Du hast Recht, man sollte froh sein, wenn man Oma und Opa noch hat! :)

  7. Maksi: Ich könnte Bücher füllen, mit den Geschichten über meine Oma. Ich bin sicher, das wäre ein Bestseller (nicht meiner Schreibe wegen, sondern der Geschichte wegen). Sie war ein großartiger, lustiger Mensch :)

    Schade, daß ich nicht noch mehr Zeit mit ihnen hatte. :)

  8. 8
    little-wombat 
    Freitag, 13. Juli 2007

    och scheisse (sorry), hab gestern schon heulen müssen, weil mum wieder zurück nach kroatien gefahren ist und ich abschiede hasse. und jetzt lese ich das hier noch mit meiner rest-sentimentalität von gestern….
    ich habe leider nur beide omis gekannt und sehr lieb gehabt, auch wenn ich sie nur in den sommerferien gesehen habe. mein opa ist drei tage nach meiner geburt gestorben und an den anderen opa kann ich mich leider nicht mehr erinnern… deshalb bin ich froh, dass meine kinder den kontakt zu ihren großeltern halten und ich hoffe, dass meine eltern noch lange leben und das oma und opa sein noch lange geniessen können!

  9. …es ist aber doch heute schon ganz anders als früher! Wenn ich bedenke, meine Eltern sind 53 und 50. Als ich so alt war wie der Keks, da war mein Opa schon weit über 60! Omas und Opas sind heutzutage viel jünger und fitter - und das finde ich prima, denn sie können viel mehr mit ihren Enkeln unternehmen :)

  10. 10
    Hasenkind 
    Freitag, 13. Juli 2007

    Abends wenn ich schlafen geh
    14 Engel um mich stehn.

    2 zu meiner linken
    2 zu meiner rechten
    2 zu meinen füssen
    2 zu meinem haupte
    2 die mich decken
    2 die mich wecken
    2 die mich führen ins ewige paradies. Amen.

    Das hat meine Oma immer mit mir gebetet, wenn ich bei ihr übernachtet habe in den Ferien. Und wenn ich mit meinem kleinen gelben Fahrrad den Berg hochgestrampelt kam und völlig außer Atem war, hat sie mich erstmal gedrückt und gefragt “na Mutzi, bist du ratz awe?” (plattdeutsch für eben völlig außer Atem *g*)

    Dann durfte ich mir was Süßes aus dem Kump aussuchen und wenn schönes Wetter war, haben wir uns in den Garten gesetzt. Erbsen döppen, Kirschen entsteinen oder einfach nur so.

    Wenn es ihr gut ging, haben wir einen Spaziergang gemacht, im zum selben Bach. Und Oma immer mit ihrer Handtasche, wohlgefüllt mit lauter Nascherein für mich.

    Als sie starb, war ich 18 und ich werde nie vergessen können, wie meine Mutter sich weinend über sie geworfen hat und sich wohl bis heute nicht verziehen hat, dass sie nicht bei ihr war…

    Meg, ich glaube, unsere beiden Omas sitzen da oben gemeinsam und geben immer auf uns Acht :-)

  11. Hallo Meg,

    ich weiß grad gar nicht so recht, wie ich meine Gefühle ausdrücken soll - sitze hier mit Gänsehaut und Tränen in den Augen!

    Es ist so toll, dass du so eine liebe Oma gehabt hast! Dass du diese Erinnerungen bis heute erhalten konntest - obwohl man doch so viel aus seiner Kindheit vergisst.

    Ich glaube ganz fest, dass deine Oma im Himmel so manchel Mal auf dich runter schaut und sehr stolz auf dich ist!

    Fühl dich mal gedrückt!

    LG
    Mone

  12. Mensch.

    Jetzt habe ich Pipi in den Augen.

    Ein HOCH auf alle Omas und Opas der Welt :)

  13. ela, ist das die kumme auf deinem schrank? :) ratz awe … das kenne ich auch ….

    die murmel-oma hat euch ja sowieso schon in ihr freches herzl geschlossen. + balou … elmar fehlt noch. *g*

  14. 14
    Dürrbi 
    Freitag, 13. Juli 2007

    Ich habe leider alle meine Großelternteile innerhalb der ersten 10 Lebensjahre verloren.

    An meine Oma (väterlicherseits) habe ich die meisten schönen Erinnerungen, da sie die letzte im Bunde war, die von uns ging.

    Sie musste bei meinem Teddy alle paar Monate die Nase “operieren”, da diese beim Daumennuckeln immer so abgenutzt habe…

    *seufz*

    Bei Oma wars immer toll.

  15. Ach wie schön geschrieben. Aus jedem Satz hört man die Liebe zu ihr heraus.
    Großeltern sind wirklich etwas sehr schönes, und ich bin froh, meine alle ganz lange gehabt zu haben. Da ich früh geheiratet habe, und auch meine Kinder bekam, hatten sie sogar noch einige Jahre das Glück sich an ihren Urenkeln zu erfreuen.
    Aber das Beste war, daß ich meinen Großeltern im Alter viel von der Zeit und Fürsorge zurückgeben konnte, die sie mir immer geschenkt haben.

  16. Dass ich die beste Oma der Welt habe ist ja wohl klar ;-) Ich bewundere ihre Stärke, ihren Sinn fürs Leben und ihre Nerven, die ihre Enkel allzu gern auf die Probe gestellt haben.

    Aber auch schön, dass ihr euch über eure Omas freuen könnt. Wann ist eigentlich Großmuttertag?

  17. JEDEN TAG! :)

  18. Ohja, ich vergaß - Schande über mich. :)
    Oma, Du bist die beste!

  1. [...] Maria geb. 13.07.1919 + 20.12.2000 [...]

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